„Die Kultur des Narzissmus“ von Christopher Lasch

Der amerikanische Historiker Christopher Lasch (46) beschreibt in seinem Buch „Kultur des Narzißmus – Amerikanisches Leben in einem Zeitalter schwindender Erwartungen“ den Verfall unser Welt. Statt soziales Engagement und Revolte, sind wir total auf uns selbst fixiert. Lasch sieht die Züge des Narzissmus in der ichbezogenen Abkehr von der Politik. Und was soll ich sagen, er hat Recht! Meine Großeltern und meine Eltern waren häufig auf Demonstrationen und in unterschiedlichen Vereinen aktiv. Sie haben sich gesellschaftspolitisch in unserer Nachbarschaft engagiert. Meine Generation, ich bin vor kurzem 24 Jahre alt geworden, ist total ichbezogen und in einem Selbstoptimierungswahn gefangen. Einige meiner Freund*innen gehen regelmäßig zum Sport und posten während ihres Trainings irgendwelche Selfies auf Instagram. Und wenn ich aus Versehen vergesse ihr Selfie oder ihr Kommentar zu liken, dann sind sie direkt sauer, gekränkt und werfen mir unschöne Wörter an den Kopf. Nach Lasch, ist das eine narzisstische Selbstbespiegelung. Aber nicht nur meine Freund*innen und Bekannte versuchen immer blendend auszusehen oder sich ins rechte Licht zu rücken, sondern auch viele Politiker, Künstler oder Prominente praktizieren eine narzisstische Selbstbespiegelung für ihr Image. Heutzutage ist Schwäche zeigen nicht erlaubt. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum die Menschen so kalt geworden sind und die Gesellschaft an Humanität verloren hat. Laut dem Zeitkritiker Lasch, sind die Menschen an Narzissmus erkrankt. Der Name ist eine Anlehnung an die griechische Sage von dem Schönling Narziss, der sich am See in sein Spiegelbild verliebte und ertrank.

Sigmund Freud und der Narzissmus

Und diese Erkrankung geht auf den Psychoanalytiker Sigmund Freund zurück. Er hatte zum Jahrhundertbeginn den Seelenzustand, welcher die ersten Lebensmonate eines Menschen bestimmt, charakterisiert. In diesen Monaten ist der Mensch noch unfähig eine physische Trennung zwischen sich und dem Rest der Welt zu erkennen. Der Säugling richtet in dieser Entwicklungsphase alle libidinösen Regungen auf den eigenen Körper und sexualisiert sich als Objekt. Während seiner Studien zur Schizophrenie ist Freud auf Patienten gestoßen, die dazu neigen, in die frühkindliche, egozentrische Innenwelt des (primären) Narzissmus zurückzufallen. Mögliche Symptome sind Kontaktarmut aus Angst und Unfähigkeit Emotionen nach außen dringen zu lassen, Realitätsverlust sowie abwechselnde Selbstüberschätzung und das quälende Gefühl, ein Nichts zu sein. Historiker Lasch stellt in seinem Bestseller fest, dass unserer patriarchalischen Gesellschaft der Ödipus-Komplex verloren gegangen ist. Der Mensch fokussiert sich in unserer spätkapitalistischen Industriegesellschaften auf das Ich.

Das narzisstische Ego als wachsendes Produkt unserer Massengesellschaft

Das narzisstische Ego ist ein wachsendes Produkt der Massengesellschaft. Es ist nie erwachsen geworden und immer süchtig nach Bewunderung und Selbstbestätigung von außen, wie ich es bei meinem Umfeld erlebe. Ich frage mich, wie wir diesem Massenphänomen entgegenwirken können. Selbst dem Autor von „Kultur des Narzißmus – Amerikanisches Leben in einem Zeitalter schwindender Erwartungen“ fehlt es an Lösungen. Er meint, dass ihm bisher die Vision einer neuen Gesellschaft fehlt, in der der Narzissmus überwunden ist. Er meinte, vielleicht helfen Bürgerinitiativen oder Gemeinschaftsaktivitäten, um die Menschen zusammen zu bringen. Ich denke auch, dass uns soziales und politisches Engagement helfen und uns mehr Menschlichkeit gut tun würde. Vor allem im Spätkapitalismus, in dem immer mehr Menschen an Armut sterben oder wegen Kriegen ihre Heimat und Familien verlassen müssen. Ich denke im Anderen lässt sich auch das eigene Ich erkennen, weswegen wir empathisch miteinander umgehen sollten.